Ein weiteres charakteristisches Merkmal des Einzelhandels ist das große Lohngefälle zwischen Frauen und Männern aufgrund des hohen Anteils von Frauen in Teilzeitarbeit und ihrer Konzentration in Berufen mit niedrigem Status. Tabelle 5 zeigt das geschlechtsspezifische Lohngefälle im Einzelhandel, im Großhandel und in der Reparatur (NACE G), gemessen als Prozentsatz des Lohns von Männern. Bei den monatlichen Löhnen beträgt das geschlechtsspezifische Lohngefälle in Österreich bis zu 34 % und in den besten Fällen immer noch 17 % in Norwegen, Ungarn und Lettland. Wenn der Abstand gemessen wird, ist er immer noch sehr hoch – nur in Schweden könnte er mit -5 % als relativ gering angesehen werden. In vielen Ländern wurden in den letzten Jahren spezifische Vorschriften für ladende Öffnungszeiten überarbeitet oder werden derzeit geändert, um die Öffnungszeiten zu verlängern und die Zahl der Sonn- oder Feiertage zu erhöhen, an denen Geschäfte geöffnet werden können. Dieser Prozess der Deregulierung und Ausweitung der Öffnungszeiten hat sehr direkte Auswirkungen auf die Beschäftigungsbedingungen in diesem Sektor und ist in vielen Ländern zu einem wichtigen Thema in den Arbeitsbeziehungen geworden. Generell sind die Gewerkschaften gegen diese Veränderungen, wenn man bedenkt, dass sie nicht wirklich höhere Umsätze, sondern nur eine Veränderung der Konsummuster beinhalten, während sie eine deutliche Verschlechterung der Beschäftigungsbedingungen implizieren. Die Debatte über die Ladenöffnungszeiten steht auch im Zusammenhang mit strukturellen Veränderungen, die im Einzelhandel stattfinden: Die stärksten Befürworter der Deregulierung sind die großen Einzelhändler, während die kleinen unabhängigen Verkaufsstellen oft dagegen sind, wenn man bedenkt, dass sie ihnen schaden werden. In einigen Ländern gibt es andere Arten von Konflikten über die Tariferstattung. Sektorale Verhandlungen sind ein wichtiges Thema in Zypern, wo die Abdeckung durch Vereinbarungen auf Unternehmensebene im Einzelhandel besonders gering ist und die Beschäftigungsbedingungen viel ungünstiger sind als in vielen anderen Sektoren.

Die Gewerkschaften fordern einen Branchentarifvertrag, aber die Arbeitgeberverbände haben ihn wegen gestiegener Arbeitskosten abgelehnt (Schätzungen deuten darauf hin, dass eine solche Vereinbarung die Kosten der Arbeitgeber um etwa 12%-15 erhöhen würde). In Österreich fordern die Gewerkschaften seit Ende der 90er Jahre die Ausweitung der Tarifverhandlungen im Einzelhandel auf “abhängige” Selbständige – also Selbständige, deren Arbeitssituation in der Praxis genau die gleiche ist wie die der Arbeitnehmer -, obwohl dieser Vorschlag von den Arbeitgeberverbänden abgelehnt wurde. Im Jahr 2003 startete die österreichische Gewerkschaft GPA im Lichte der bevorstehenden EU-Erweiterung eine Initiative, an der die Gewerkschaften des Einzelhandels in der Tschechischen Republik, Deutschland, Ungarn, der Slowakei, Slowenien und Kroatien beteiligt waren und die von UNI-Europa Commerce unterstützt wurde. Dieser “Wiener Dialog” zielt darauf ab, die Positionen der betroffenen Gewerkschaften in gemeinsamen Bemühungen zur Festlegung einheitlicher grenzüberschreitender Beschäftigungsstandards für alle Beschäftigten im Handel zu harmonisieren, insbesondere im Hinblick auf Ausbildungsstandards und ein generelles Verbot der Sonntagsarbeit. 2004 unterzeichneten die Gewerkschaften eine Erklärung, in der sie ein Verbot des Sonntagshandels forderten und in der es hieß, dass die EU-Erweiterung nicht zu mehr Sonntagsöffnung führen dürfe. Auf der UNI-Europa Commerce-Konferenz im Mai 2003 hatten die Einzelhandelsgewerkschaften einstimmig für die Forderung gestimmt, Sonntagsarbeit in der Branche beizubehalten oder einzuführen. In einigen Ländern gibt es eine einzige marktbeherrschende, branchenspezifische (oder etwas breitere, für handel, vertrieb usw.) Arbeitgeberorganisation im Einzelhandel. Dänemark, Finnland, Frankreich, Malta und das Vereinigte Königreich gehören eindeutig zu dieser Gruppe. Belgien und Schweden haben ebenfalls eine einzige Hauptarbeitgeberorganisation im Einzelhandel, aber nach abgrenzenden Linien zwischen den Arbeitgeberorganisationen haben einige andere Verbände (Handelsverbände ohne Verhandlungsrecht im Falle Schwedens) eine schwächere Präsenz in bestimmten Teilen des Sektors.

In Österreich ist die Vertretung der Arbeitgeber im Einzelhandel auf 25 teilsektorale “Bundesorganisationen” (Bundesgremien) der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) – dem wichtigsten nationalen Arbeitgeberverband, dessen Mitgliedschaft obligatorisch ist – aufgeteilt, aber die Vertretung zu Verhandlungszwecken wird in der WKÖ-Handelssparte (Sparte Handel) gebündelt.